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Gotthard Graubner
dona, 2001
Acryl (Mischtechniken) auf Leinwand
über Synthetikwatte auf Leinwand
101 x 82 x 7 cm
Gotthard Graubner
muar, 1993
Acryl (Mischtechniken) auf Leinwand
über Synthetikwatte auf Leinwand
168 x 140 x 17 cm
Gotthard Graubner
aufgefächert II, 1957
Öl auf Leinwand
90 x 70 cm
Gotthard Graubner
ohne Titel (Zero 350), 1963/64
Mischtechnik auf Nessel uüber Schaumstoff
auf Leinwand unter Plexiglas
35 x 27 cm (Künstlerkasten 50 x 42 x 7 cm)

Weltenraum der Farbe

Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht,
sondern auch was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich,
so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht.
Caspar David Friedrich

Im Sommer dieses Jahres 2020 wäre einer der größten Maler unserer Zeit neunzig Jahre alt geworden. Gotthard Graubner. Er starb im Jahr 2013. Seither gilt: er fehlt. Wir vermissen seinen hintersinnigen Witz, seine schelmische Gegenwart, seine liebenswürdige Neugier und die Ruhe, die er ausstrahlte bei aller Ungeduld, die ihm eigen war. Und wer weiß, welche Bilder er der Welt noch schenken würde, wäre er noch unter uns. Tröstlich allein, dass Graubner uns eines der mächtigsten Werke der Malerei hinterlassen hat – und gewiss – es ist ein Werk in Vollendung.

Nun gibt es in Berlin zwei Möglichkeiten, dem Werk dieses außergewöhnlichen Malers zu begegnen. Folgen wir dem Hinweis des Künstlerkollegen Markus Lüpertz, dann genügt ein Blick in den Himmel – denn es sei zweifelsohne so, dass Graubner nunmehr zuständig sei für den nuancierten Farbenzauber, den das Himmelsgewölbe in seinem unentwegt bewegtem Wolkenspiel uns täglich vor Augen führt. Wer das geerdete Werk Gotthard Graubners vorzieht, der wird in der Berliner Galerie des Kunsthandel Wolfgang Werner in die malerische Welt Gotthard Graubners eintauchen können.
Exquisiter könnte die Auswahl der Werke kaum sein, die hier aktuell zu sehen ist. Herausragende Werke aus den Jahren 1957 bis 2013 zeigen die Entfaltung dessen, was Graubner unter einer absoluten Malerei verstand, wie unter dem Brennglas. Von den frühen zweidimensionalen Arbeiten auf Leinwand, die bereits eine Ahnung des angestrebten Nuancenreichtums eines vielschichtigen Farbraums geben, über die frühen experimentellen ersten »Kissenbilder« Anfang der 1960er Jahre, die aus der farblichen Durchtränkung von Schaumstoffkörpern das Aufscheinen tiefgründiger Farbschichten entfalten, bis zur Vollendung von Graubners Malerei in den raumgreifenden »Farbraumkörpern«. Graubner selbst hat die Malerei als eine »Verdichtung der Farben zum Organismus« beschrieben. Und in der Tat, vernimmt das aufmerksame Auge in den Farbraumkörpern ein ständig in Bewegung seiendes Farbenspiel an der Oberfläche, einen Farbe atmenden Organismus. Je länger unser Blick auf diesen malerischen Häuten ruht, umso intensiver erleben wir dieses leise Spiel der Farben, das durch Änderungen des Blickwinkels und Lichteinfalls noch intensiviert wird.

Denn es ist am Ende das Licht, das die Farben aus den Tiefen der Farbraumkörper in die Sichtbarkeit zieht. Trampoline des Lichts, heißt das bei Graubner. Jenseits des Stakkato-Rhythmus, mit dem die Bilderflut unserer Zeit auf unser Wahrnehmen einhämmert, basiert die Wahrnehmung des Menschen weiterhin auf den langsamen Rhythmen des menschlichen Körpers. Das Ein- und Ausatmen, der Schlag des Herzens, der Gang im Schritt für Schritt sind die Parameter, nach denen menschliche Wahrnehmung sich ausrichtet. Auf diese körperlich fundierte Schlagzahl des Wahrnehmens zielen die Bilder Gotthard Graubners, diese entschleunigte Wahrnehmung suchen sie zu reanimieren. Die Sensibilisierung menschlicher Wahrnehmung als Basis unserer Welterfahrung ist Ziel und offenes Geheimnis von Graubners Malerei.

Für diesen Prozess der Sensibilisierung der Sinne hat der Maler Graubner eine Art Laborsituation, erfunden und einen künstlerischen Raum geschaffen: den »Nebelraum«. Da ein solcher Raum in Zeiten von Corona aktuell nicht realisierbar ist, zeigt die Ausstellung Photographien früherer »Nebelräume«. Erstmals 1968 in Gunter Sachs' Modern Art Museum in München realisiert, ist der »Nebelraum«, was der Titel verspricht: ein mittels einer Nebelmaschine von weißgrauem Nebel gänzlich erfüllter Raum. In diesem Raum verliert der Besucher jegliche normale Orientierung und ist ganz auf sich selbst zurückgeworfen, ein wandelnder Körper im Nirwana der Undurchsichtigkeit. Der Besucher tastet sich voran, vertraut zunehmend auch auf andere Sinne als die des Sehens, nimmt mit allen Fasern wahr. Zusehends differenziert sich das einheitliche Weißgrau, es werden Unterschiede der Dichte, lichte Stellen wie Bezirke eines tieferen Grau ausgemacht, schemenhaft erscheinen die Konturen anderer Besucher – es beginnt ein Sehen, das sich in neuer, anderer Weise sensibilisiert, aktiviert – ein Sehen, wie es die Malerei Graubners herausfordert.

In den 1960er Jahren, einer Zeit des künstlerischen Aufbruchs und Neuanfangs, die vornehmlich geprägt war von den neuen und nicht selten schockierenden Bewegungen wie Fluxus, Aktionskunst, Zero, pop art oder arte povera, hat Gotthard Graubner unverbrüchlich an das Metier der alten Tante Malerei geglaubt und die Sprache der Farben in vollkommen neue Sphären gehoben. Bis heute danken wir dem Werk Gotthard Graubners, dass er die aktuelle Zeitgenossenschaft einer der ältesten künstlerischen Sprachen gegen alle Anfeindungen vermeintlicher Antiquiertheit eindringlich unter Beweis gestellt hat. Denn unsere Welt braucht Welten, wie die Malerei Graubners sie entfaltet – Gegenwelten des Künstlerischen.

Carsten Ahrens